Freitag, 6. Mai 2022

Wird der 9. Mai 2022 wie der 1. Mai 2003?


Am 9. Mai wird in Russland üblicherweise der „Tag des Sieges“ gefeiert, des Sieges im „großen vaterländischen Krieg“, wie der 2. Weltkrieg dort von offizieller Seite üblicherweise genannt wird. 

Der 9. Mai steht vor der Tür - und Journalisten, Analysten und Politiker überschlagen sich mit Mutmaßungen, wozu Präsident Putin seine Rede an diesem Tag wohl nutzen wird. Mutmaßungen reichen von einer offiziellen Kriegserklärung an die Ukraine, über die Generalmobilmachung in Russland, über Kriegserklärungen an andere Länder bis zu anderen offensiven Schritten. 

Ich glaube, nichts davon wird passieren. Die Wahrheit wird viel simpler sein: Was soll der russische Präsident am Tag des Sieges anderes verkünden als einen Sieg? Oder, in russischer Lesart: Den erfolgreichen Abschluss des Hauptteils der militärischen Spezialoperationen? 

Ich kann mich täuschen, muß allerdings unwillkürlich an den 1. Mai 2003 denken: An diesem Tag hielt US-Präsident GW Bush seine berühmte - eher berüchtigte - „Mission Accomplished“-Rede auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln. Er verkündete das erfolgreiche Ende der Kampfhandlungen im Irak, vor einem Banner mit eben dem „Mission Accomplished“-Aufdruck. 

Nun, zu diesem Zeitpunkt war - außer Zerstörung - noch nicht sehr viel „accomplished“ worden. Daher ähnelt die Situation durchaus der heutigen: Was „Sieg“ ist, definiert der Sieger. 

Ich glaube, Putin hat gepokert, wollte sehen, und stellt nun fest, daß ein dauerhafter NATO-Ausschluß der Ukraine nur mit für Russland untragbaren Zugeständnissen zu erwirken ist. Also nimmt er das „nächst beste“: Erhebliche Zerstörung ukrainischer Infrastruktur und eine Frontlinie, die man durchaus auch einseitig als „Waffenstillstandslinie“ deklarieren könnte. Kleinere Korrekturen in der Zukunft nicht ausgeschlossen. 

Wie gesagt, ich kann mich irren - aber ich wette: Der 09. Mai 2022 wird wie der 01. Mai 2003. 

EDIT: Nachtrag - Ein bisschen Sieg 

So, wir schreiben den 09.05.2022 und haben Putins Rede gehört. Er hat es geschafft, tatsächlich weder das eine, noch das andere zu tun. Man habe einen notwenigen Erstschlag gegen die Aggressoren in der Ukraine ausgeführt, die mit westlicher Hilfe hochgerüstet und von Russland abgedrängt worden seien. Alles verlaufe nach Plan, der Donbas werde bald wieder sicher und frei sein; daran bestünden keine Zweifel. Das Ziel der Spezialoperationen sei bald erreicht. 

Tatsächlich ist diese  Rede zwar keine Siegesrede, aber doch ein wenig so wie die seinerzeit von Donald Rumsfeld „entschärfte“ Bush-Rede zum 01. Mai 2003: Es wird vermieden, einen direkten Sieg zu verkünden, aber eigentlich verkündet man das direkt bevorstehende Ende der Kampfhandlungen. Der Focus wird auf die Region Donbas gelenkt, diese wird „gesichert“ werden, ihr „Anschluss“ an Russland in näherer Zukunft wird den Sieg und das Ende der „Spezialoperationen“ bedeuten. 


Bildquelle: en.wikipedia

Donnerstag, 28. April 2022

9. Deutscher IT-Rechtstag Berlin

 

In Berlin hat der 9. Deutsche IT-Rechtstag begonnen; ich nehme natürlich teil. Das Programm verspricht einiges; ich habe die Topics unten aufgeführt. 

Der Keynote-Vortrag aus dem Ministerium für Digitales und Verkehr war zwar interessant, machte mich aber auch wieder etwas stutzig: Man will z.Zt. durch eine neue Verordnung den „Data-Driven“-Markt weiter regulieren und auch vereinfachen; dabei steht offenbar mal wieder das Thema „Cookies“ an relativ vorderer Stelle. Daß die wirklichen Platzhirsche der IT-Welt - allen voran Google - planerisch eigentlich schon im „post-Cookie-Zeitalter“ sind, scheint sich noch nicht herum gesprochen zu haben. Mal sehen, was noch kommt. 


Tag 1:

 

❏ Keynote: Digitalpolitische Schwerpunkte der Bundesregierung

Frank Krüger, Ministerialdirigent, Leiter der Unterabteilung DP 2, Datenpolitik, KI, Bundesministerium für Digitales und Verkehr, Bonn


❏ Digitalisierung im Rechtsmarkt – internationale Trends

Dr. Cord Brügmann, Rechtsanwalt, Berlin


❏ Die Top Five bei der Beratung KI-implementierter Produkte in der anwaltlichen Praxis

Dr. Christiane Bierekoven, Rechtsanwältin, Fachanwältin für IT-Recht, Dr. Ganteführer, Marquardt & Partner Rechtsanwälte, Düsseldorf


❏ Ausblick auf das Metaverse: In greifbarer Zukunft?

Semjon Rens, Public Policy Director DACH, Meta, Berlin


❏ Metaverse – Neue Herausforderung für die anwaltliche Beratung?

Dr. Jonas Jacobsen, Rechtsanwalt, HK2 Rechtsanwälte, Berlin


❏ Health Apps entwickeln – oder doch lieber Wellness Apps?

Boris Arendt, Datenschutzbeauftragter, Jost Blöchl, Rechtsanwalt, BIOTRONIK, Berlin


❏ DiGAs und Telematik: Sozial- und Medizinrecht an der Schnittstelle zum IT-Recht

Charlotte Guckenmus, LL.M., Rechtsanwältin, zert. DSB, Frankfurt (Main)


❏ Wrap Up von Tag 1

Karsten U. Bartels, Rechtsanwalt, Vorsitzender der AG IT-Recht (davit) im DAV, HK2 Rechtsanwälte, Berlin


Tag 2: 


❏ Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft IT-Recht (davit)


❏ Digitales Vertragsrecht, Teil 1:

Neue Anforderungen an die Produkt- und Vertragsgestaltung

Dr. Kristina Schreiber, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Verwaltungsrecht, Loschelder Rechtsanwälte, Köln


❏ Digitales Vertragsrecht, Teil 2:

Praxisbeispiele von „A“ wie Aktualisierungspflichten bis „Z“ wie Zustimmungserfordernis Dr. Kristina Schreiber, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Verwaltungsrecht, Loschelder Rechtsanwälte, Köln


❏ Das Mandat im IT-Strafrecht

Dr. Eren Basar, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Strafrecht, CIPP/E, Wessing & Partner Rechts- anwälte, Düsseldorf


❏ IT-Ermittlungsmaßnahmen - Beweiserhebung trotz Verschlüsselung?

Diana Nadeborn, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Strafrecht, Tsambikakis & Partner Rechts- anwälte, Berlin


❏ Steuerrecht überall – auch bei IT-Leistungen: Schwerpunkte für Beratung und Gestaltung

Dr. Tobias Sedlmeier, Rechtsanwalt, Fachanwalt für IT-Recht, Dr. Sedlmeier & Dr. Dihsmaier, Rechtsanwälte, Heidelberg


❏ IT-Recht und nationale Sicherheit

Verena Jackson, Rechtsanwältin, Jackson Legal/Researcher & Lecturer, Universität der Bun- deswehr, München


❏ Outro und Ausblick auf 2023

Karsten U. Bartels LL.M., Rechtsanwalt, Vorsitzender der AG IT-Recht (davit) im DAV, HK2 Rechtsanwälte, Berlin



Dienstag, 26. April 2022

Uploadfilter in gewissen Grenzen zulässig

Das vorerst letzte Wort in der Debatte über Uploadfilter ist nun vom EuGH gesprochen worden. In der heutigen Entscheidung zu Artikel 17 der EU-Urheberrechtsrichtlinie, die wegen einer dagegen gerichteten Klage Polens notwendig geworden war, hielten es die Richter für grundsätzliche grundrechtekonform, wenn Plattformbetreiber die von Nutzern hochgeladenen Inhalte vorab auf potentielle Urheberrechtsverstöße überprüfen und dabei auch automatisierte Prüfverfahren (Filteralgorithmen) einsetzten. Gerade hiergegen richtete sich der Zorn der Internetcommunity und waren noch vor wenigen Jahren zahlreiche Aktivisten auf die Straßen gegangen.
Voraussetzung (...der Rechtmäßigkeit...) sei, daß die EU-Gesetzgeber "eine klare und präzise Grenze" für die Filteraktivitäten gezogen hätten. Demnach müsse klar sein, daß die Betreiber rechtmäßige Inhalte beim Hochladen weder filtern noch sperren.

Besondere Bedeutung bekommt hierdurch gerade der "deutsche Sonderweg", der von Rechteinhabern in der Vergangenheit immer mal wieder kritisiert wurde. Das UrhDaG sieht hierzu den Kunstgriff der "mutmaßlich erlaubten Nutzungen" vor, die z.B. Zitate, Karikaturen und Parodien ("Memes") betreffen. Diese dürfen nicht gefiltert werden und können vom Nutzer als "legal" markiert werden. Im Gegenzug bekommen die Rechteinhaber jedoch das Instrument der "qualifizierten Blockierung" in § 7 UrhDaG, oft als "roter Knopf" bezeichnet. Hiermit können bestimmte Inhalte direkt blockiert werden, insbesondere etwa bei hochpreisigen Live-Events. Diese Balance könnte sich als genau das erweisen, was der EuGH bei seiner Entscheidung vor Augen gehabt hat.

Interessant sind übrigens noch andere Passagen des Urteils. So sagten die Richter, die Plattformanbieter "müssten Nutzer zudem darüber aufklären, dass verbriefte Freiheiten etwa für Zitate oder Privatkopien weiter gälten."
Gerade das Recht auf Privatkopie wird erfahrungsgemäß von Rechteinhabern immer mal wieder in Abrede gestellt.


Quelle: 

Heise News

Wo sind all' die Panzer hin, wo sind sie geblieben?

Wenn man gegenwärtig die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt  mitliest und Verlustzahlen russischer "Hardware" - also Panzer aller Art - zur Kenntnis nimmt, bekommt man den Eindruck, daß der militärische Vormarsch Russlands mindestens zäher voran geht, als man es sich auf russischer Seite erhofft haben kann. Selbst wenn man einmal von den sicherlich leicht übertriebenen Verlustzahlen der ukrainischen Seite und den sicherlich stark untertriebenen Verlustzahlen russischer Seite jeweils die Hälfte wegstreicht, kommt man jedenfalls Mitte 04/22 auf eine Zahl in der Größenordnung von 500 verlorenen Kampfpanzern auf russischer Seite. Zur Relation: Das ist ungefähr soviel, wie Deutschland und Großbritannien zusammen an aktiven Kampfpanzern besitzen.
Da stellt sich unwillkürlich die Frage: Ist das eigentlich viel? Wie viele Panzer hätte Russland eigentlich zur Verfügung? Es gibt das Internet, also zählen wir mal nach!
Laut "offizieller Quellen" verfügt  Russland über die beeindruckende Zahl von etwa 22.000 Kampfpanzern; wobei hier alles mitgerechnet ist, was irgend wann einmal eine Kanone hatte. Rechnet man hiervon die "Reserve" ab, also alle stillgelegten und "theoretisch" wieder verfügbaren Fahrzeuge, kommt man auf 6.500 "aktive" Kampfpanzer. Davon wären 500 Stück 7,69 %. Aber stimmt das eigentlich? Russland bewahrt fast all seine Panzer in recht vollgestellten "Depots" auf, wo man sie erstaunlich gut aus der Luft sehen kann. Auch die Größe der "Schleppdächer", unter denen weitere Einheiten stehen könnten, geben hier keine Rätsel auf. Ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit will ich hier einige Depots mit Satellitenbildern aus 2022 verlinken, von denen es sicher noch viele mehr gibt.


 

Interessant an diesen Bildern ist, daß sie alle aus der "Befliegung" 2022 des französischen Unternehmens CNES stammen; Google Maps ist hier bei der Quellenangeabe recht gründlich.
Die "Aufklärungscommunity" hat diese und andere Bilder ausgewertet und durchgezählt. Bestenfalls ergibt sich hieraus ein Wert von etwa 3.000 aktivierbaren Panzern, von denen vielleicht die Hälfte als gegenwärtig "aktiv" betrachtet werden kann. Davon wären 500 verlorene Einheiten ein Wert von immerhin 16,67 % bzw. 33,33 %. Russland müßte somit ein echtes Interesse daran haben, seine Hardware-Verluste zu begrenzen. Sonst heißt es in wenigen Wochen: "Operation durchgeführt, Abrüstung abgeschlossen". 

Link: FAS.org Quick Reference Guide, US Army Training and Doctrine Command, January 2020

 

Dienstag, 5. April 2022

Corona-Impfungen offenbar auch in größeren Dosen unbedenklich….

Um erklärten Impfgegnern illegal gefälschte Impfausweise verkaufen zu können, hat sich ein Mann aus Sachsen-Anhalt offenbar mindestens 87 mal gegen Covid-19 impfen lassen - teilweise bis zu 3 mal am Tag in verschiedenen Impfzentren des Bundeslandes Sachsen. 

Er hat dazu jeweils einen neuen Blanko-Impfausweis mitgebracht, der vor Ort ausgefüllt wurde. Nach den jeweils zwei Impfungen hat er dann das Deckblatt vorsichtig abgetrennt und den Ausweis mit einem neuem Deckblatt mit den Daten des Käufers versehen. 

Der Betrug war erst aufgefallen, als der Mann Mitarbeitern des Roten Kreuzes verdächtig vorkam, die diesen bereits mehrfach zur Impfung „abgefertigt“ hatten. Diese haben sodann andere Impfzentren vorgewarnt; der Mann wurde dann von der Polizei am Impfzentrum Eilenburg in Empfang genommen. 

Nach einer ersten Untersuchung finden sich bei dem 60-jährigen keine gesundheitlichen Auffälligkeiten; die zahlreichen Impfdosen schaden genau so wenig, wie sie nützen. Das Immunsystem paßt sich der dauernden Auffrischung an und reagiert irgend wann gar nicht mehr darauf. 

An der Vorgehensweise zeigt sich, daß es tatsächlich keine zentrale Erfassung von Impfungen gibt: Hier wäre die unnötig häufige Impfung sofort aufgefallen. Nur durch das „Wiedererkennen“ des Mannes seitens der Mitarbeiter konnte der Impfbetrug aufgedeckt werden. 


Während dieser Fall keine großen rechtlichen Fragestellungen aufwirft - der Mann wird regulär wegen Urkundenfälschung angeklagt werden - stellt ein Fall aus Österreich die Justiz vor interessante rechtliche Fragestellungen. 

Hier hatte ein Impfgegner einem Privatarzt ein hohes Honorar geboten, damit dieser ihm Kochsalzlösung spritzt und dies als Impfung attestiert. Hierzu hatte er die normalen Impfunterlagen und -belehrungen ausgefüllt. Nach der „Tat“ wollte er jedoch das vereinbarte Honorar nicht zahlen und drohte dem Arzt mit Strafanzeige. Der Arzt stellte darauf hin selbst Strafanzeige wegen Eingehungsbetruges und konnte nachweisen, daß er dem Impfgegner tatsächlich nicht Kochsalzlösung, sondern die ordnungsgemäße Impfung verabreicht hatte. Nun stellt sich die Frage, ob in der absprachewidrigen, aber schriftlich genehmigten Impfung eine Körperverletzung gesehen werden könnte. Der Impfgegner hatte ja in das Setzen der Spritze grundsätzlich eingewilligt. Nur enthielt diese tatsächlich nicht - wie sich der Patient vorgestellt hatte - Kochsalzlösung, sondern - wie er zuvor noch einmal mündlich und schriftlich belehrt worden war und auch unterschrieben hatte - den Impfstoff. Es steht daher die schriftliche Einwilligung gegen das dem Arzt bekannte Vorstellungsbild des Patienten. Auch fehlt es wohl am subjektiven Tatbestand, also dem mindestens bedingten Vorsatz des Arztes, den behandelten Patienten schädigen zu wollen. Nach kaum widerleglicher Einlassung ist eher das Gegenteil der Fall. 

Die Annahme eines erhöhten Honorars für die Impfung ist im privatärztlichen Bereich grundsätzlich nicht verboten, sofern ein ordnungsgemäßer Behandlungsvertrag vorliegt. Das war hier der Fall. Auch ein Betrug seitens des Arztes ist schwierig zu konstruieren, da es an einer objektiven Vermögensschädigung fehlt: Bei objektiv-wirtschaftlicher Betrachtungsweise hat der Patient für sein Geld sogar weit mehr als wertlose Kochsalzlösung erhalten. 

Es könnte daher sein, daß das zugegebenermaßen etwas dubiose Handeln des Arztes keinen Straftatbestand verwirklicht. 


Quelle zu (1): Spiegel 

Montag, 7. März 2022

Wenn Sie die Zukunft kennen wollen, lesen Sie die Vergangenheit!

Das Internet ist - wenn man es richtig lesen kann - ein guter Ratgeber in vielen Dingen. An diese Realität haben sich erstaunlicherweise viele Zeitgenossen noch nicht gewöhnt. 

Eine Internet-Realität ist, daß das Internet alles merkt und nichts vergißt. Rein technisch zumindest. Ob wir das dann merken oder lesen können, ist eine andere, separate Frage. 

So hatte kürzlich die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti offenbar etwas verfrüht einen Kommentar vorbereitet für den Fall, daß der russische Einmarsch in der Ukraine sehr früh zu einem Erfolg werden würde. 

Zwar wurde der Kommentar umgehend wieder gelöscht, da war er aber bereits von „the archive.org“ - dem Internet-Archiv - gecrawlt worden. Seitdem kann man eine für die Ewigkeit bestimmte Version hier abrufen: Die Offensive Russlands und der neuen Welt


Via Google-Translate läßt sich das Ganze auch gut auf Deutsch lesen. 


Kurzum: Nach Lektüre dieses Berichtes einer staatstreuen Agentur glaube ich nicht, daß es Russland um eine „Eroberung“ der Ukraine geht - so wie westliche Medien dies fälschlich oft annehmen. Tatsächlich geht es um etwas viel tiefer liegendes, das sehr gut von Professor Mearsheimer in seinem Vortrag aus 2015 (nach der Krim-Krise) in einem Talk an der Uni Chicago erklärt wurde. Vielleicht täusche ich mich aber auch. 





Für komplexe Zusammenhänge gibt es häufig komplexe Erklärungen und man muß sich schon die Mühe machen, sich mit diesen auseinander zu setzen, wenn man dem Thema gerecht werden möchte. 


Als nächstes Thema möchte ich mich etwas mit technischer Aufklärung beschäftigen. Bereits Ende der 90er, als das Internet als solches noch nicht in den Haushalten der Republik angekommen war und Google noch „BackRub“ hieß, habe ich mich bereits mit der Auswertung von Satellitendaten des sog. „Keyhole“-Systems befaßt (lustigerweise damals auch unter dem Namen "Corona" bekannt), die man seinerzeit auf CD erstehen konnte. Aus diesen Daten konnte man mit der nötigen militärischen Grundkenntnis (zu der mein Grundwehrdienst bei den Funkrelaistrupps beigetragen haben mag) problemlos Aufmarschgebiete des Irakkrieges oder Maßnahmen der großen Verteidigungsbündnisse „Warschauer Pakt“ und „NATO“ identifizieren. Später, als diese „stationären/statischen“ Daten um weiteren Informationen, etwas aus FAS.org oder anderen Quellen ergänzt werden konnten, war es sogar für „Privatpersonen“ möglich, sich ein relativ gutes Lagebild zumindest in einem größeren Zeitrahmen von militärischen Maßnahmen und Operationen machen. 


Heute scheint sich - von vielen Menschen so oft wahrgenommen - die „Meinungsmaschine Internet“ zwar häufig in relativ engen Bahnen zu bewegen; dies ist jedoch oft nur eine wahrgenommene Eingleisigkeit, die dem Medium an sich unrecht tut. Die in (a)sozialen Medien oft kritisierten „Filterbubbles“ greifen eben auch darüber hinaus, wenn man sich im Rahmen eigener Recherche zu identifizierbar macht. 


Dabei sind die Möglichkeiten vielfältig: Allein über das Portal Flightradar24.com lassen sich momentan die Flugbewegungen der NATO-Staaten an der ukrainischen Grenze gut nachvollziehen. Zwar haben wir - aus guten Gründen - keine Flugverbotszone in der Ukraine. Jedoch haben wir eine „Aufklärungs- und Überwachungszone“, die weit in das ukrainische, belarussische und russische Territorium hineinreicht. 

Ich habe einmal einige Flugbewegungen des gestrigen Abends für Sie ausgewertet: 


- Mit der Flugnummer LAGR 231 fliegt eine KCC Extender, ein amerikanisches Tankflugzeug für Luftbetankungsoperationen, kommend aus Rammstein, kontinuierliche Schleifen über rumänischem Luftraum, um dort für amerikanische Jagdflugzeuge bereit zu stehen, damit diese dann nach ausgedehntem Einsatz für den Rückflug - oder eine Verlängerung - neu betankt werden können. Aufgrund des „Kreisgebietes“ kann man auch sehr gut sehen, in welchen Lufträumen sich die Jagdflugzeuge aufhalten werden. 


- Dasselbe macht die NATO unter der Flugnummer MFF 19, einem Airbus MRTT (MultiRoleTankerTransport) kommend aus Köln, mit dem über polnischem Luftraum dann auch deutsche und andere europäische Maschinen nachgetankt werden können. 


- Den Luftraum der baltische Staaten - und die Einblicknahme in belarussische Territorien - sichert jeden Abend unter der Flugnummer Yank02 eine US-amerikanische RC12 Guardrail, ein relativ kleines „SigInt“ Aufklärungsflugzeug, daß gegenwärtig jeden Abend von Siauliai in Litauen aufsteigt und von dort Dreiecksformationen entlang der belarussischen Grenze fliegt. 



- Das schwarze Meer rund um die Krim wird hingegen fast ganztägig unter der Flugnummer Forte12 von einer amerikanischen RQ4B Global Hawk-Drohne kontrolliert, die von der NATO-Basis „Passo Noce“ auf Sizilien starten. Auf den Satellitenbildern von Google Maps kann man dort übrigens ganz gut sehen, wie gerade eine solche Drohne aufgetankt wird. 



(Quelle aller Bilder: www.flightradar24.com)


Wie man sieht, können die Bemühungen der NATO-Staaten dank Internet auch ganz gut ohne geheime Nachrichtentechnik verfolgt werden; das Vernetzen verschiedener Quellen ist dabei für die Verifizierung der Glaubwürdigkeit von Bedeutung. 


Spannend ist z.B. die Verknüpfung mit Schiffsradar-Daten (MarineTraffic.com), über die sich oft zwanglos der Aufenthaltsort von "Carrier Strike Groups" ermitteln läßt. So läßt sich bereits aus öffentlich verfügbaren Daten sagen, wo demnächst militärische Operationen zu erwarten sind. 


Also: Viel Spaß beim Ausbrechen aus der persönlichen Filterblase! 


Mittwoch, 2. März 2022

Helfen per Internet

 

740 Autokilometer von der deutschen Grenze entfernt findet gerade Krieg statt. Kriegsflüchtlinge werden nach Deutschland kommen und Unterkünfte benötigen; die Frage ist nicht „ob“, sondern „ab wann“. Nun mögen Sie fragen: „Ja, aber was kann ich denn schon tun?“ - Dank Internet eine Menge mehr, als in „Prä-Internet-Zeiten“. Schauen Sie doch z.B. mal durch ihr Haus oder Ihre Wohnung, ob Ihnen da nicht eine Ecke oder ein Zimmer auffällt, in dem eine ukrainische Mutter mit Kindern vorübergehend besser aufgehoben ist als in einem nassen Keller unter einem zerschossenen Haus. Ich habe das z.B. gestern getan und meine Möglichkeiten bei elinor | Gastfreundschaft Ukraine eingetragen. Dort wird vom Gründer der elinor-Plattform, Lukas Kunert, freundlicherweise eine Datenbank betrieben, auf die Flüchtende bei der Suche nach Übernachtungsplätzen zurückgreifen können. 

Glücklicherweise kann das Internet die Welt tatsächlich ein klein bisschen besser machen - und nicht nur Hass in asozialen Netzwerken verbreiten! (...ja, der Link führt tatsächlich zur allerersten Internetseite  von 1990...)


Link:

elinor | Gastfreundschaft Ukraine